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Der Zinseszins technischer Schulden

Technische Schulden werden im Alltag oft ignoriert oder ungern diskutiert, nicht zuletzt da das Thema komplex ist. Anhand der Metapher des Zinseszins lässt sich der Impact solcher Schulden auch gut mit Nicht-Technikern diskutieren.
Der Zinseszins technischer Schulden

Die älteren von uns kennen es noch vom Sparbuch: Man bringt sein Geld zur Sparkasse und ein Jahr später erhält man auf das Ersparte Zinsen. Hebt man diese Zinsen nicht ab, dann erhöht sich im Folgejahr die Basis, auf die erneut die Zinsen berechnet werden. Im Zeitverlauf steigt das sparte Kapitel auf diesem Wege - in Abhängigkeit des Zinsniveaus - mitunter stark an, wie es in der folgenden Abbildung angedeutet wird.

Ähnlich wie beim Zinseszinseffekt verhält es sich bei technischen Schulden in der Softwareentwicklung, die allerdings im Alltag gerne ignoriert werden. Denn anders als auf dem eigenen Bankkonto, sieht man sie nicht direkt obwohl sie ebenso drastisch wirken wie der Zinseszinseffekt - nur in die andere Richtung. Doch was genau sind eigentlich technische Schulden? Vereinfacht ausgedrückt subsummiert man unter diesem Begriff die Herausforderungen und Probleme, die aus schlecht entwickelter oder unzureichend gepflegter Software resultieren. Das anhäufen solcher Schulden passiert im Alltag mehrheitlich immer dann, wenn unter Zeitdruck ein Projekt nach dem anderen abgearbeitet wird, um einfach abzuliefern - aus welchen Gründen auch immer. Was kurzfristig zwar nach Fortschritt aussieht, entpuppt sich im Zeitverlauf jedoch schnell als Bumerang. So ist es nicht unüblich, dass die Softwareteams bei neuen Aufgaben zunächst die alten Projekte wieder anpassen müssen, um überhaupt einen Lösungsansatz in Erwägung ziehen zu können. Dieser Mehraufwand ist das Resultat technischer Schulden, die Projekte nicht nur verlangsamen sondern in der Regel auch einen hohen Aufwand zur Behebung der Schulden zu Folge haben. Das Resultat: Projekte ziehen sich in die Länge und im schlimmsten Fall wird von der Geschäftsleitung noch weiterer Zeitdruck aufgebaut, um jetzt aber ganz schnell fertig zu werden.

Die folgende Abbildung verdeutlicht das Resultat der hier skizzierten Arbeitsweise in visueller Form: Je mehr technische Schulden sich akkumulieren, desto länger werden sich zukünftige Projekte mit hoher Wahrscheinlichkeit in die Länge ziehen und entsprechende Aufwände verursachen.  

Auch wenn man keine technische Ausbildung hat, kann man durch eine Frage klären, wie es um die Güte der Software im eigenen Unternehmen bestellt ist. Hinterfrag einfach, wie oft die Softwareteams neuen Code veröffentlichen und wie lange dieser Prozess dauert. Sehr gute Teams schaffen dies mehrmals am Tag in kurzer Zeit.

Wenn man als Unternehmen noch nicht an diesem Punkt angelangt ist, dann bietet die Metapher des Zinseszins einen guten Ansatzpunkt, um die weniger technisch versierten Abteilungen im Haus für die etwaigen Probleme zu sensibilisieren. Es ist meiner Erfahrung nach viel wichtiger, dass die relevanten Entscheidungsträger und Stakeholder das Problem technischer Schulden verstehen als sich sofort um technische Lösungsansätze zu kümmern. Als betriebswirtschaftlicher Entscheider - egal auf welcher Ebene - muss einem klar sein, dass technische Schulden das eigene Unternehmen langsam machen. Genau das ist in einem digitalen Wettbewerbsumfeld leider häufig der Anfang vom Ende, da Geschwindigkeit bekanntlich einer der besten Verkäufer ist. Ich persönlich kann in diesem Zusammenhang die DevOps Reports als Lektüre empfehlen, da sie einen kompakten und leicht verständlichen Einblick geben, wie Software heute entwickelt wird.  

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Technische Schulden wirken wir der Zinseszins Effekt auf dem Sparbuch: Allerdings in die andere Richtung, indem sie neue Projekte verlangsamen oder mitunter sogar blockieren. Was auf technischer Seite zum Abbau solcher Schulden getan werden muss ist in der Regel klar. Wichtiger ist es im ersten Schritt den Stakeholdern der IT zu verdeutlichen, was technische Schulden überhaupt sind und was sie für das Unternehmen bedeuten.